© Federica Giusti

Ein Plädoyer fürs Festhalten

Während ich den Artikel „Warum es mir schwerfällt, loszulassen“ formuliere, wird mir bewusst, dass die Sache mit dem Trennen nicht nur auf meine Habseligkeiten zutrifft.

Es fällt mir schwer, auf neue Lebensabschnitte zuzusteuern, auch wenn ich ein kreativer, veränderungsliebender Mensch bin. Ich halte an Menschen und Erinnerungen fest, die mich mit ihnen verbinden.

Ich brauche dieses Gefühl, um existent zu sein. Abschiede fallen mir schwer und mir einzugestehen, dass es ohne bestimmte Menschen in meinem Leben leichter wäre und ich unbeschwerter denken könnte, noch viel mehr. Oft überkommt mich dann dieses seltsame Gefühl – ob ich alleine auf einer Stelle stehen geblieben bin, den Anschluss verpasst habe und ob ich die Prioritäten anderer, denn vor meine eigenen gestellt habe. Ob ich mich mit einem Mittelmaß an Glück zufriedengebe, stehenbleibe und aushalte, bis es wieder besser wird?

 

Loyalität nennt mein Papa das – er bezeichnet es als gute Eigenschaft. Das mag auch grundsätzlich stimmen.

 

Schließlich leben wir in einer schnelllebigen Zeit, in der sich die Meisten lieber nicht festlegen und Beziehungen ausmisten, wie ein gebrauchtes Paar Socken. Das Gefühl, etwas loslassen zu müssen, entspringt aus dem Glauben daran, dass es noch besser geht. Dass immer noch schönere Momente und Erfahrungen auf uns warten und nach denen wir uns sehnen. Das ist eigentlich ein guter Ansatz, den unsere Generation aber bis zum Maximum ausreizt. Sie bietet uns täglich Illusionen an neuen Möglichkeiten – über LinkedIn bietet man uns jeden Tag neue Jobs, die immer noch besser bezahlt sind – Tinder bietet uns jeden Tag ein Pensum an möglichen Partnern, Geliebten oder One-Night-Stands. Denn: je kürzer, desto besser. Schleppt man Vergangenes mit sich mit, fühlt man sich schwer. Wir sind süchtig nach neuen Chancen, neuen Wegen und der Freiheit. Dass man jemanden vermisst oder an jemanden denkt, ist beinahe ein Zeichen von Schwäche. Wer es ausspricht, wird mit fragwürdigen Blicken gemustert. Wenn man etwas nicht vergessen kann, dann ist das schlecht.

Wo man an einem Tag noch schwer verliebt ist, kann es sein, dass man sich eine Woche später das Bett eigentlich lieber mit jemand anderem teilen würde. Oder lieber alleine ist.

Auch das bezeichnet man als Minimalismus. Der Minimalismus einer Generation, die ein Minimum an Entscheidungen treffen möchte. Wir misten alles aus, wobei wir uns nicht sicher sind, was uns zu nahe kommt, zu viel wird oder zu intensiv erscheint. Und oft warten wir einfach lieber ab.

Das finde ich schade und ehrlich gesagt ziemlich feige. Ich möchte Dinge intensiv erleben. Ich möchte real kommunizieren, ich möchte streiten, schreien und lieben dürfen und mich nicht immer fragen müssen, ob ich mich selbst nicht ein wenig zurücknehmen sollte. Ich möchte mich erinnern dürfen, an die guten und die schlechten Momente. Ich möchte vermissen dürfen und mich auf ein Wiedersehen freuen. Ich möchte nicht darauf warten, bis Dinge sich von selbst regeln – was meistens bedeutet, man entfremdet sich oder wartet solange, bis niemand mehr Lust hat, zu kämpfen. Oder der Andere längst in Gedanken ganz woanders ist. Da treffe ich meine Entscheidungen lieber selbst – auch wenn es vielleicht die Falschen sind und ich sie hinterher bereue. Denn wenigstens lebe ich, anstatt nur minimalistisch zu erleben.