Kopf aus Bauch an

Über den Grund, wieso wir bei Entscheidungen lieber auf den Verstand vertrauen als auf unsere Intuition – eine Anregung zum mutigen Denken.

Vor einiger Zeit saß ich mit meinem besten Freund beim Abendessen im Biergarten und wir unterhielten uns über seine Vorstellung von der Traumfrau. Klar, etwas kleiner als er sollte sie sein, humorvoll und intelligent – hab ich erwartet. Sie braucht außerdem eine sympathische Ausstrahlung, sollte gern snowboarden, morgens lange ausschlafen … Und so langsam füllte sich eine ganze Liste an Anforderungen, die die potenzielle Partnerin auf jeden Fall erfüllen muss, um überhaupt erst ins Rennen zu kommen.

Kann ich irgendwo schon verstehen. Denn: Wer ein paar Jahre Datingerfahrung hinter sich hat, ist es oft satt, im Seichten zu fischen. Immer wieder eine Niete zu ziehen. Unsere Generation tindert längst nach System. Und dabei geht es lange nicht mehr nur um Haarfarben oder Körpergrößen, sondern auch um Wohnorte, Altersunterschiede, Berufe und Zukunftsvorstellungen. Wisst ihr was? Das ist auch der wahre Grund, warum wir in Bars nicht mehr angesprochen werden. Zu groß ist das Risiko, Gefühle für jemanden zu entwickeln, bei dem es zwar funken würde, der mit unserem eigenen Leben aber nicht kompatibel ist. Was für eine schreckliche Vorstellung!

Mein bester Freund setzte den Überlegungen dann noch die Krone auf und sprach aus, was ich längst befürchtete: „Im Endeffekt ist es ja keine Emotionsentscheidung.“ Wie bitte? Was denn dann? Trauen wir unserem Gefühl etwa nicht mehr, nur weil es uns schon das ein oder andere Mal in die Irre geführt hat?

Eine zentrale Frage, die sich uns in den verschiedensten Momenten im Leben immer wieder stellt. Es ist ein bisschen, wie nie wieder auf ein Fahrrad steigen zu wollen, nur weil man einmal gefallen ist. So kann man zwar schon leben, aber irgendwie steht man sich halt doch selbst im Weg.
Die scheinbar einfache Lösung: Mehr aus dem Bauch entscheiden anstatt mit dem Kopf. Schön, aber wie geht das eigentlich? Während Psychologen und Glücksforscher sich in komplexen Theorien verlieren, wie man durch Mentaltraining oder Atemübungen sein Gehirn überlistet, um eine Bauchentscheidung zu erzwingen, sollten wir unserem Umdenken erst mal auf den Grund gehen. Schließlich ist der Mensch evolutionsbedingt darauf programmiert, intuitive Entscheidungen treffen zu können.

Unser Problem ist aber folgendes: Während wir uns früher das Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung mühevoll erkämpft haben, ist es für uns heute weniger Privileg als Belastung. Ja, Entscheidungen lösen sogar Blockaden aus. Weil wir in all der Flut aus Möglichkeiten gar nicht mehr wissen, was richtig ist und uns guttut. Haben wir auf der Speisekarte nur drei Gerichte zur Auswahl, fällt es uns wesentlich leichter eines auszuwählen als aus einer Karte mit 15 Seiten. Während wir im Café früher zwischen Espresso und Cappuccino entscheiden mussten, fragt Starbucks heute: „Grande, Venti oder Tall? Sojamilch oder Vollmilch? Mit Sahne oder ohne? Entkoffeiniert oder lieber mit doppeltem Shot? Double Chocolate Mocca oder Caramel Frappuccino?“ Die unverfänglichste Frage bleibt da am Ende noch die nach dem eigenen Namen.

Eine weitere Hürde: Wir lassen uns Glück vordefinieren. Instagram bestimmt, dass wir auf der Speisekarte immer den Avotoast wählen, wir zum Frühstück einen Matcha Latte aus dem Highball-Glas trinken, anstatt einen einfachen Filterkaffee aus der Porzellantasse. Und das, obwohl das grüne Zeug uns nicht mal schmeckt und wir uns an dem Glasgefäß die Finger verbrennen.

Instagram zeigt uns, dass ein Urlaub nur eine „well spent“Investition in uns selbst ist, wenn wir auf der Bali Swing mit unseren NA-KD-Klamotten durchs Foto schaukeln. Dass ein Tag nur gut starten kann, wenn er mit einer Yoga-Lesson beginnt, wo viele von uns es gerade mal so schaffen, pünktlich aus dem Bett zu springen, um der U-Bahn hinterherzuhetzen.

Warum wir uns das alles antun? Weil wir hoffen und davon träumen, dass all diese Dinge uns ein Leben zaubern, in dem uns die Sonne allzeit aus dem Hintern scheint und wir vor lauter Glück durch unsere rosarote Brille nur noch niedliche Einhörner sehen können, die Konfetti in unser Leben pupsen. Weil all das – oh Wunder – nicht passiert, beginnen wir über das nachzudenken, was in unserem Leben offensichtlich schiefläuft, und projizieren dermaßen überzogene Erwartungen auf uns, unsere Gefühle, die Liebe und natürlich auch die anderen. Wir wollen schließlich nicht nur nebeneinander hergehen als zwei Individuen, die ihr Leben miteinander teilen, sondern uns endlich selbst finden in jemand anderem. Und bestätigt werden.

Aber Glück ist keine Checkliste. Ein Traumjob, ein schnelles Auto, ein schönes Zuhause oder der perfekte Partner sind unbedeutend, wenn wir nicht einen Weg finden, uns selbst auszufüllen und unser Herz und unseren Verstand zufriedenzustellen. Und wie das geht, ist eigentlich gar nicht so schwer.
Ab und an völlig kopflos handeln. Dinge tun, von denen wir vorher schon wissen, dass wir sie hinterher bereuen werden. Die Vernunft wegwerfen und uns ein paar Stunden von dem befriedigend destruktiven Gefühl einnehmen lassen, dass wir lebendig sind. Das Fallen genießen und den satten Aufprall noch viel mehr. Eine Art guten Fehler begehen, den man nur äußerlich betrauert, aber innerlich für berauschend hält. Emotionen ihren freien Lauf lassen und auch mal wütend sein, weil einem einfach danach ist. Den Burger mit Pommes essen, weil er einfach so viel besser schmeckt als der Avocadotoast. Nachts in der Bar den dritten Martini bestellen, obwohl man am nächsten Tag arbeiten muss, und den nächsten Urlaub einfach in den Tag hinein leben, weil es nichts Schöneres gibt, als nichts zu müssen.

Wir müssen auch nicht üben, auf unser Bauchgefühl zu hören, wir brauchen nur aufzuhören, uns an Prinzipien festzuhalten und stattdessen Erinnerungen schaffen, die wir vorher nicht planen, sondern einfach erleben. Sich Hals über Kopf und gedankenlos in etwas hineinzustürzen, völlig egal ob es sich richtig oder falsch anfühlt. Denn das einzige was zählt, ist, dass es sich echt anfühlt.

Denn: Das Leben muss nicht perfekt sein, um wunderschön zu sein

 

Übung zum mutig Denken

Beantworte dir folgende Fragen. Du darfst natürlich in aller Ruhe darüber nachdenken, aber bei der Antwort wird dein Verstand nichts nützen. Höre auf deinen Bauch.

Was machen Maikäfer im Juni?

Wann ist der Anfang zu Ende?

Ist Gelb glücklicher als Schwarz?

Welche Lehne im Flugzeug gehört mir?

Kann man die falsche Person zur richtigen Zeit treffen?

Was fängt der späte Vogel?

Ist eine schöne Last leichter zu tragen?

Haben Lügen auch kurze Arme?

Haben Rabenmütter Krähenfüße?

Sind Einhörner einsam?

Warum muss guter Rat teuer sein?

Darf man das? Ist Pflaumensaft sexy?