©Bruno van der Kraan

Wann haben wir aufgehört, es zu versuchen?

Wie oft denken wir uns eigentlich: Ich wünschte, ich könnte das auch – so gut kochen, Klavier spielen, tanzen oder Französisch sprechen wie jemand anderes.

Jemand, den wir bewundern und vielleicht sogar ein bisschen beneiden.

Wir leben in einer Gesellschaft, die gelernt hat, Dinge hinzunehmen anstatt bewusst zu versuchen, sie zu ändern. Das beginnt bei Umwelt oder Politik, bei der wir uns besser raushalten und zieht sich bis in kleine Details, bei denen wir uns viel zu oft aus unserem eigenen Leben zurückziehen.

 

In einer Welt voller Tutorials, in der Menschen uns zeigen, was sie alles können und worin sie vermeintliche Experten sind, lassen wir uns zwar oft inspirieren, aber fühlen auch häufig einen gewissen Grad an Resignation, der sich in unser Unterbewusstsein schleicht. Auf Instagram sehen wir Bilder von neuen Projekten unserer Freunde, unserer Idole oder unseren insgeheimen Feinden. Wir sehen, was sie erreicht haben, verfolgen auf Facebook ihre Karriere-Steps, merken, wann sie „Head of“ werden, wann sie nach Brasilien fliegen, um ihre Sprachtalente auszuleben und wann sie ihren ersten Fitnessworkshop leiten. Alles, was wir tun, ist unser stilles, resignierendes „Like“ abzugeben, uns wieder zurück aufs Sofa unter unsere flauschige Decke in unsere Komfortzone zu kuscheln, um eine weitere Folge „Sex and the City“ zu schauen, bei der wir uns wünschten, ein bisschen mehr wie Carrie Bradshaw zu sein.

 

Aber woran liegt das? Sind wir wirklich zu beschäftigt?

 

Denken wir, wir sind zu alt, unser Einfluss ist zu gering oder ist es nicht vielmehr die insgeheime Angst vorm Scheitern, die uns aufhält?

 

Als Kinder konnte uns niemand bremsen, wir haben die höchsten Sandburgen gebaut, wir haben Herausforderungen angenommen, anstatt einen großen Bogen um sie zu machen. „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“ – so lautet ein bekannter Aphorismus, und es stimmt – wir brauchen diese Herausforderungen, um daran zu wachsen, unsere Persönlichkeit zu formen und zu lernen, wer wir wirklich sind. Hätten wir als Kinder gesagt: „Puh, diese Schule ist mir doch ein bisschen zu aufwendig. Das lass ich lieber“, dann hätten uns unsere Eltern laut protestierend einfach dazu gezwungen. Glücklicherweise haben wir in diesem Alter noch diese gesunde Portion Optimismus und Tatendrang, den viele im Laufe des Lebens verlieren. Nicht auszudenken, wo wir heute ständen, ohne Schulbildung. Manchmal fehlt uns schlichtweg dieser Druck, Dinge anzugehen, weil wir von vornherein nicht daran glauben oder nicht überzeugt genug sind. Vor kurzem hat mir ein Freund erzählt, wie gern er ein Instrument spielen würde, aber da er ja schon Mitte Zwanzig ist, sei dieser Zug wohl für ihn abgefahren. Wer hat denn jemals behauptet, dass man ab einem gewissen Alter die Fähigkeit verliert, Dinge zu erlernen? Als Kinder tun wir uns leichter, da mag etwas Wahres dran sein. Aber wieso? Weil wir offen dafür waren. Wir haben nicht alles hinterfragt und mit einem kritischen Auge betrachtet haben. Die Hemmungen sind das, was uns bremsen.

 

Das Schlimme daran ist aber nicht nur, dass wir uns selbst damit im Weg stehen, sondern auch anderen. Wir verhindern, dass sich unsere Mitmenschen uns annähern können, weil wir Türen schon schließen, bevor sie überhaupt geöffnet wurden. Wir neigen dazu, Dingen eine immense Bedeutung zuzuschreiben, eine Schwere und Intensität, Mühe, Aufwand und Verpflichtung, die uns schneller flüchten lässt, als wir uns überhaupt darauf einlassen könnten oder es schlichtweg auf einen Versuch ankommen ließen.

 

Scheitern ist menschlich. Das hören wir nicht zum ersten Mal. Und trotzdem versuchen wir es, so oft es geht zu vermeiden. Innerer Perfektionionismus und der Drang, immer das Beste aus seinem Leben rauszuholen, sitzen uns verbissen im Nacken. Geprägt von Standards aus dem Freundeskreis, der Gesellschaft, der Medien, lassen wir uns ein Bild vorschreiben, wie wir es anstellen müssen, um glücklich zu sein. Negative Erlebnisse, Zweifel, Kompromisse oder Enttäuschungen haben da keinen Platz. Dabei sind sie es, über die wir uns definieren. Würden wir keinen Schmerz empfinden, oder nicht manchmal ein zweites Mal über eine Entscheidung nachdenken, wären wir doch ziemlich naiv und herzlos.

 

Es gibt eine Grenze bei dem Glück, das wir denken, ohne all diese Emotionen erreichen zu können – letztendlich können wir sonst nie zum Kern, zu unserer innersten Wahrheit durchdringen. Zu dem, was wir wirklich sind, was wir wollen und fühlen.

 

Klar, es erfordert Mut, Chancen zu ergreifen – oft ist es hart, niederschmetternd oder frustrierend – aber das, was wir dabei gewinnen, den Schlüssel zu uns selbst und vielleicht auch zu anderen, ist es allemal wert.